Vortragsabend mit Prof. Dr. Giovanni Maio im Rahmen des fünfjährigen Jubiläums des Kloster-Hospizes
Wie wollen wir mit Krankheit, Sterben und Verletzlichkeit umgehen? Diese Frage steht im Mittelpunkt unserer Vortragsreihe im Jubiläumsjahr des Kloster-Hospizes. Am Montagabend, 05. Oktober, war Prof. Dr. Giovanni Maio zu Gast und sprach in der gut gefüllten Klosterkirche über die „Ethik der Sorge – Warum Sorge und Zuwendung unverzichtbar für ein menschliches Miteinander sind“.
Die Klosterkirche bot dabei einen besonderen und würdevollen Rahmen für ein Thema, das weit über die Hospizarbeit hinausweist. Denn Verletzlichkeit gehört nicht nur zu Krankheit und Sterben. Sie gehört zum Menschsein.
Der Mensch als verletzliches Wesen
Dabei wurde deutlich: Verletzlichkeit muss nicht ausschließlich als Schwäche oder Defizit verstanden werden. Wer die eigene Verletzlichkeit wahrnehmen kann, bleibt sensibel und ansprechbar für andere. Gerade darin kann eine besondere menschliche Ressource liegen.
Aus der Wahrnehmung von Verletzlichkeit entsteht die Frage nach der Sorge: Was bedeutet es, füreinander Sorge zu tragen?
Sorge ist mehr als Hilfe
Sorge, so wurde deutlich, ist nicht einfach eine einzelne Handlung und auch kein festgelegtes Programm. Sie verbindet Haltung und Handlung, Einstellung und konkretes Tun. Sie beginnt mit der Wahrnehmung des anderen und seiner jeweiligen Situation.
Dabei lässt sich Sorge nicht nach einer festen Schablone leisten. Menschen sind unterschiedlich, Situationen verändern sich und auch das, was ein Mensch braucht, lässt sich nicht immer vorhersehen. Sorge muss deshalb immer wieder neu auf den konkreten Menschen antworten.
Sorge kann dabei als Angebot verstanden werden: als ein Angebot, da zu sein, aufmerksam zu sein, Unterstützung zu geben und einem Menschen etwas zu ermöglichen. Was daraus entsteht, entscheidet sich jedoch immer auch in der Begegnung.
Gerade für die Hospizarbeit ist dieser Gedanke von großer Bedeutung. Hospizliche Begleitung ist kein fertiges Konzept, das auf jeden Menschen gleichermaßen angewendet werden kann. Sie beginnt mit dem Wahrnehmen und dem Sich-Einlassen auf den Menschen in seiner jeweiligen Situation.
Was sich nicht messen lässt
Auch die anschließende Fragerunde und der gemeinsame Austausch wurden intensiv geführt. Viele Fragen und Gedanken wurden miteinander geteilt. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie sehr die Themen Sorge, Verletzlichkeit, Würde und menschliche Begleitung bewegen.
Auch die Frage, ob und wie sich Sorge überhaupt messen lässt, kam zur Sprache. Gerade daran wurde deutlich, dass das Wesentliche menschlicher Zuwendung nicht ohne Weiteres in Zahlen oder Kategorien zu fassen ist. Was sich messen lässt, kann wichtig sein – aber nicht alles, was für einen Menschen bedeutsam ist, lässt sich messen.
Für das Kloster-Hospiz war gerade dieser offene Austausch ein besonders wertvoller Teil des Abends. Der Vortrag gab keine einfachen Antworten vor. Er öffnete vielmehr einen Raum für Fragen und für die Auseinandersetzung mit dem, was Sorge und Begleitung im Kern bedeuten.
Ein Gedanke, der bleibt
Vielleicht ist es genau das, was von diesem Abend bleibt: Sorge beginnt dort, wo wir die Verletzlichkeit eines Menschen wahrnehmen und bereit sind, darauf zu antworten. In der Hospizarbeit wird diese Haltung ganz konkret: in der Bereitschaft, da zu sein, zuzuhören, auszuhalten und einen Menschen ein Stück seines Weges zu begleiten.
Doch der Gedanke der Sorge reicht weit über die Hospizarbeit hinaus. Denn verletzlich und auf andere angewiesen zu sein, gehört zum Menschsein – und damit betrifft die Frage nach der Sorge uns alle. Sie stellt sich in vielen Bereichen unseres Lebens: in Medizin und Pflege, in der Betreuung und Begleitung, in Familien und Nachbarschaften, im beruflichen Miteinander und letztlich in unserer Gesellschaft insgesamt.
Sorge ist dabei nicht nur Aufgabe einzelner Berufsgruppen. Sie ist eine Haltung, die unser menschliches Miteinander prägen kann. Und sie zeigt sich ganz konkret: in Zeit, Aufmerksamkeit, Zuhören, Nähe, Verlässlichkeit und in der Bereitschaft, einem anderen Menschen in seiner jeweiligen Situation ein Stück des Weges zur Seite zu stehen.
Gerade die Hospizarbeit kann dabei ein Ort sein, an dem sichtbar wird, was Sorge bedeutet: Menschen nicht verändern oder etwas „lösen“ zu müssen, sondern ihnen in ihrer Situation zu begegnen und sie in ihrer Würde und Eigenständigkeit zu begleiten.
Der Abend mit Prof. Maio hat viele Gedanken angestoßen, die sicher über diesen Abend hinaus weiterwirken werden. Für uns war er deshalb nicht nur ein besonderer Abend im Jubiläumsjahr, sondern auch eine Einladung, sich weiter mit einer grundlegenden Frage auseinanderzusetzen:
Wie wollen wir miteinander leben, wenn wir anerkennen, dass kein Mensch vollkommen unabhängig ist?
Wir danken Prof. Dr. Giovanni Maio herzlich für seinen Vortrag, seine Gedanken und den offenen Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern.
Ein ebenso herzlicher Dank gilt allen, die diesen besonderen Abend möglich gemacht haben – und den zahlreichen Gästen, die die Klosterkirche mit ihrer Aufmerksamkeit, ihren Fragen und ihrem Interesse gefüllt haben.


